Hommage an eine alte Zeit

Ich bin mit drei jüngeren Brüdern in einer Arbeiterfamilie groß geworden. Mein Vater schuftete in einer Fabrik, meine Mutter kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder. Sie war lange Zeit sehr krank und hätte Beruf und Familie nicht unter einen Hut bringen können. Das Geld reichte gerade mal so. Ein Auto hatten wir nicht, aber immer saubere Kleidung und ausreichend Essen. Und wir konnten verreisen. Entweder wurden wir Kinder über die Arbeiter Wohlfahrt in Ferienlager verschickt, oder wir fuhren mit der Bahn auf Bauernhöfe. Und dann gab es noch die Familienferiendörfer in Bayern. Die wurden von der Aktion „Ein Platz an der Sonne“ speziell für finanziell schwache Familien aus West-Berlin gebaut. Wir fuhren Mitte der 1960er nach Grafenau. Damals noch mit Bussen. 15 Jahre später fuhren mein Mann und ich mit unserem ersten Sohn dort hin. Mittlerweile stand das Feriendorf außerhalb der Ferien auch finanziell besser Gestellten offen. Je nach Einkommen musste man entsprechend mehr zahlen. Dennoch war es immer noch sehr günstig. Die Anreise erfolgte jetzt mit Sonderzügen. Jede Familie hatte ein Abteil für sich. Gegen 20 Uhr startete der  Zug, ausschließlich mit Familien und einigen Rentnern, am Bahnhof Zoo. Was für ein Abenteuer alleine schon diese Zugfahrt war. In Grafenau wurden wir von Bussen abgeholt und zum Feriendorf hochgefahren. Auf dem großen Platz warteten bereits Familien, die schon ein oder zwei Wochen dort waren auf uns. Sie hielten große, selbstgemalte Schilder mit den Namen der neu Angereisten hoch. Sie brachten uns mit unserem Gepäck zu unseren Häusern und erklärten uns das Wichtigste. Vor unserer Ankunft hatten sie uns den Frühstückstisch mit Brötchen, Milch, Kaffee, Butter, Wurst und Käse gedeckt. Genau das würden wir dann in der nächsten oder übernächsten Woche für unsere neuen Nachbarn machen. Das Frühstück wurde übrigens vom Feriendorf gestellt, man musste es nur abholen. Die süße Kleinigkeit auf den Kopfkissen der Betten war von den Nachbarn persönlich. In den 21 Tagen gab es auch regelmäßige Programmpunkte. Ein Laternenumzug mit Musik gehörte auch dazu. Die Laternen konnten die Kinder vorher in einer Art Kindergarten basteln. Es gab ein Lagerfeuer und kreative Angebote für Groß und Klein, die nichts kosteten. Im Dorf fuhr kein Auto. Die Versorgungsfahrzeuge fuhren damals schon mit Elektromotor. Alle Kinder konnten unbesorgt draußen spielen. Die Häuser waren sehr einfach und funktionell eingerichtet. Es gab auch keinen Fernseher! Dafür gehörte in allen Küchen eine Milchkanne dazu. Abends gingen fast alle Familien auf der „Milchstraße“ zu den Bauern nach Rosenau. Dort gab es Milch direkt von der Kuh, nach dem Melken nur durch ein Sieb gegossen. Es gab Gemüse mit viel  frischer Erde dran und ab und an auch von der Bäuerin gebackenes Brot. Und natürlich Buttermilch, wenn gebuttert wurde. Und ganz, ganz viel Landschaft. Wir waren bis zur Einschulung unserer Söhne jedes Jahr dort. Es waren die schönsten Urlaube. Auch wenn wir später viel rumgekommen sind, so bleiben uns diese Jahre in besonders guter Erinnerung. Etwas fällt mir noch ein: Jede Woche, wenn wieder Familien abreisten, stand ein großer Teil der Nachbarschaft an einer bestimmten Wiese neben dem Feriendorf. Von dort konnte man den Sonderzug sehen und den Abreisenden zuwinken. Es waren sehr berührende Momente, selbst jetzt kommen mir noch die Tränen.
Nach der Wende stand das Feriendorf allen Interessierten offen. Man durfte dann auch mit dem eigenen Auto anreisen, obwohl immer noch die Züge fuhren. Ein letztes Mal fuhren wir zu der Zeit dort hin. Aber das Interesse ließ nach, die Menschen wollten weiter weg, mehr Komfort, mehr All Inclusive. Ein holländischer Investor verkalkulierte sich und das Feriendorf stand viele Jahre leer. Vor zwei Jahren machte Sohn 1 mit Familie Urlaub in Haus im Wald, einem Ortsteil von Grafenau. Natürlich besuchten sie auch das vereinsamte Feriendorf. Mein Sohn konnte sich an jeden Weg erinnern. Gerade ist Sohn 2 mit seiner Familie in Grafenau. Er kann seine Erinnerungen nicht teilen, denn Anfang des Jahres wurden  alle Häuser abgerissen. Grafenau hat die Anlage gekauft. Dort sollen 4-Sterne- Chalets entstehen. Mit Wassererlebnisbad und anderen hochwertigen Amusements. Das nichts bleibt, wie es mal war, ist mir natürlich bewusst. Was aber geblieben ist, sind finanziell schlecht aufgestellte Familien, die sich sicher gerne in einer schönen Umgebung ohne jeden Schnickschnack ein paar Wochen erholen würden. Warum ist es in unserem Sozialstaat nicht möglich, Eltern mit ihren Kindern oder alten Menschen mit geringer Rente, einen solchen Urlaub anzubieten?
Die Fotos sind quer durch die Urlaube zusammengestellt. Einmal hatten wir die Freundin unseres älteren Sohnes mitgenommen. Diese praktischen Kinderwagen gab es ich im Feriendorf.

Ich sehe gerade, das ich Fotos doppelt in den Collagen habe. Sorry!

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12 Antworten zu Hommage an eine alte Zeit

  1. wildgans schreibt:

    Einfach das einfache, gute Familienleben!

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  2. Ulli schreibt:

    Oh, du hattest auch eine rote Latzhose 🙂
    ich hatte meine allerdings bevor ich Mutter wurde.
    Danke für deine Erinnerungen.
    Liebe Grüße
    Ulli

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  3. Gudrun schreibt:

    So ähnlich waren meine schönsten Urlaube in meiner Erinnerung auch. Und von genau solchen Dingen erzählen auch meine Kinder noch immer.
    Eine Zeitlang habe ich darüber nachgedacht, einen solchen Ort zu schaffen, aber wahrscheinlich wäre das wieder eine Enttäuschung geworden. Wer macht schon Selfies mit Kopftusch auf dem Kopf und Rechen in der Hand auf der Heuwiese. Nein, die müssen schon etwas hermachen.
    Fein, dass du dir deine Erinnerungen bewahrst.
    Liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

    • Elvira schreibt:

      Ich bedaure nur sehr, dass es heute kaum noch Möglichkeiten des familienfreundlichen und bezahlbaren Urlaub gibt. Selbst die Angebote der ArbwiterWohlFahrt können sich finanziell schwache Menschen nicht leisten.

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  4. Corinna schreibt:

    Danke für das Teilen dieser berührenden und interessanten Erinnerungen. Irgendwie war früher überall Vieles einfacher und doch schön.

    Gefällt 2 Personen

  5. Der Wilhelm schreibt:

    Ich musste gerade beim Lesen etwas grinsen.

    Solche ähnlichen Erinnerungen habe ich auch aus dieser Zeit. Familienfreizeit nannte sich das damals, organisiert und angeboten vom Arbeitgeber meines Vaters.
    Allerdings jedes Jahr an einem anderen Ort, wo für die ganze Saison komplette Pensionen angemietet wurden, mal am Meer und Mal im Gebirge, anfangs nur in Deutschland und ab Ende der sechziger vermehrt auch in Österreich.

    Angereist wurde immer gemeinsam mit dem Bus, da fing der Urlaub dann schon vor der Haustür an. 🙂

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    • Elvira schreibt:

      Was ich bedauere ist das fehlende Angebot in heutiger Zeit an finanziell schwache Familien. Es gibt zwar immer noch die Angebote der AWO Sano für familienfreundliche Ferien mit begünstigten Preisen (vor 2 Jahren war ich in den Herbstferien mit einer meiner Sohnfamilien darüber in Schillig an der Nordsee), aber auch das muss man sich erst leisten können. Gerade für Familien mit wenig Geld (oder auch Rentner, Alleinstehende) wäre ein Tapetenwechsel so wichtig. Das gehört meines Erachtens auch zur Gesundheitsprophylaxe und kann Depressionen vorbeugen.

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      • Der Wilhelm schreibt:

        Damit hast Du sicher recht.

        Wenn ich so darüber nachdenke – ich glaube, wir hätten uns damals sonst auch keinen Urlaub leisten können.

        Später, als ich selbst Kinder hatte, also in den achtzigern, gab es ähnliche Angebote noch vom CVJM, allerdings auch zu nicht gerade niedrigen Preisen.

        Das haben wir auch zwei,drei mal genutzt, aber hauptsächlich aus dem Grund, weil da auch immer eine Kinderbetreuung angeboten wurde und wir Erwachsenen auch mal was alleine machen, bzw. spezielle Gruppenangebote nutzen konnten, die für kleine Kinder nicht geeignet waren.

        Ob die heute sowas noch anbieten, weiss ich allerdings nicht. Und wenn, dann wird das von den Preisen her sicher nicht weniger sein als bei anderen Anbietern 😦

        Gefällt 1 Person

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