Was übrig bleibt

Vor einigen Jahren starb ein Freund an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er war Mitte fünfzig. Seine Frau erzählte uns, dass er ohne Angst und gelassen dem Tod entgegengesehen hat. Er habe ein schönes Leben gehabt und sei dankbar dafür. Als ich an ihn dachte, sah ich sein Gesicht vor mir, erinnerte mich an sein Lachen, seine scheinbar grenzenlose gute Laune. Er liebte seine Schallplatten und genoss es, vor seiner Anlage zu sitzen und der Musik zu lauschen. Seine Freunde bewirtete er mit Essen aus seiner kroatischen Heimat. Dafür stand er stundenlang am Herd. Er und seine Frau hatten viele Freunde. Zu seiner Berdigung fanden nicht alle Trauergäste Platz in der Trauerhalle. Ich weiß nicht, warum ich an Josef denken musste. Aber diese Gedanken warfen die Frage auf, wie es mir gehen würde, wenn ich wüsste, dass ich demnächst sterben muss. Angst vor dem Tod habe ich nicht. Vor dem Sterben schon eher. Hatte ich ein schönes Leben? Doch, ich kann das mit einem Ja beantworten. Es war ein schönes Leben im Rahmen der mir gegebenen Möglichkeiten. Nicht alle habe ich genutzt, manche Dinge hätte ich anders entscheiden sollen. Aber genau dieses hätte und wäre und wenn schmälert unsere Einstellung gegenüber dem schönen Leben. Dass ich den weiteren Lebensweg meiner Kinder und Enkel nicht begleiten kann, ist das einzige, was ich bedauern werde. Wie lange werde ich in Erinnerung bleiben? Meine Urenkel werden von mir hören, mich noch auf Fotos und Videos sehen. So wie ich alte Bilder betrachte, auf denen Verwandte sind, die Ende des vorletzten Jahrhunderts geboren wurden. Nicht alle kenne ich mit Namen. Von nur wenigen ist mir die Lebensgeschichte bekannt. Es gibt niemanden mehr, der mir von ihnen erzählen könnte. Und im Zeitalter der digitalen Fotografie? Meine Kinder lassen noch einige Fotos auf Papier ausdrucken und kleben sie in Fotoalben. Die meisten Aufnahmen aber stapeln sich, mehr oder weniger sortiert, auf Rechnern. Wem wird in einigen Jahren noch ein Fotoalbum zufällig in die Hand fallen? Ein Album mit Bildern verstorbener Verwandter?  Bilder, die neugierig machen. Wer war das? Wie hat sie gelebt? Wovon geträumt? Worüber war sie traurig? Worüber glücklich? Ich wünsche mir, dass ich noch so viele Jahre vor mir habe, um meinen Enkeln von mir und ihrem Opa, von meinen Eltern und Geschwistern zu erzählen. Ihnen zu berichten, wie es mir als Enkelkind mit meinen Großeltern erging. Ich habe mal gelesen, dass wir erst richtig gestorben sind, wenn niemand sich mehr an uns erinnert und von uns erzählt. Und ja, das ist meine Angst! Die Angst vor dem Vergessenwerden.

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4 Antworten zu Was übrig bleibt

  1. siebeninseln schreibt:

    Liebe Elvira, schöne und traurige Gedanken, die wohl viele Menschen bewegen. Grüße zu Dir nach Berlin, Dagmar

    Gefällt 1 Person

  2. Martin schreibt:

    Phew…

    „Aber genau dieses hätte und wäre und wenn schmälert unsere Einstellung gegenüber dem schönen Leben.“

    Absolut! Das ist ein Satz zum Einrahmen und immer wieder dran erinnern.

    Frieden im Leben finden.

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  3. vivilacht schreibt:

    das sind sehr traurige Gedanken, aber sie kommen doch auch immer wieder zu einem. Alles Liebe

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