Alte Menschen

werden, wie viele andere auch, in Schubladen gesteckt. Tatterig, faltig, schlechte Erinnerungen und schlechter Geruch. Ein Apothekerin meinte mal zu mir, dass sie im Laufe ihres Berufslebens eine Allergie gegen Wollmützen entwickelt hätte. Ich konnte das nicht verstehen. Bis sie mir erklärte, dass sie damit alte Menschen meinte. Alte Frauen mit Wollmützen. Alte Frauen, die vielleicht umständlich ihre Wünsche erklärten. Alte Frauen, die wertvolle Zeit kosteten. Zeit, die nicht ganz so alte Frauen in Geld umsetzen würden. Zeit für Beratung. Welches Kosmetikprodukt lässt mich jünger aussehen? Welches Anti Aging Präparat verlangsamt meine Alterung? Zeit für diese Kunden bringt Geld. Wenn sie einige Jahre später, sichtlich gealtert, weil all diese Produkte natürlich keine Wirkung zeigten, wieder in die Apotheke kommen, sind sie lästig. Denn sie kommen nur mit Rezepten gegen ihren Bluthochdruck oder ihre Blasenschwäche. Der Verdienst an ihnen ist gleich null. Ich hatte vor vielen Jahren eine Patientin, die zeigte im Wartezimmer jedem ein Foto aus ihrer Jugend. Sie war eine sehr schöne Frau! Aber diese Frau konnte niemand mehr sehen. Niemand machte sich die Mühe, darüber nachzudenken, welche Geschichte diese Frau zu erzählen hätte. Was für ein Leben lag hinter ihr? Das wird uninteressant, sobald ein Mensch in dieser, unserer Gesellschaft, zum alten Eisen abgestempelt wird. In anderen Kulturen werden alte Menschen geehrt, verehrt. Ihr Wissen und ihr Erfahrungen sind Wegweiser für die nachkommenden Generationen.
Vor einigen Tagen entdeckte ich diesen Artikel mit Fotos von Frauen jenseits der 50.
Pedro Oliveira hat die Frauen fotografiert. Sicherlich gibt es auch irgendwo Fotos von alten Männern. Aber deren Leben hört nicht auf ab einem bestimmten Alter. Bei Frauen ist das leider immer noch völlig anders. Mir gefielen diese Fotos und ich dachte sofort an einen Beitrag in meinem Blog. Den habe ich auch geschrieben. Aber es bleibt so ein kleines Unbehagen. Werden nicht auch diese Frauen ein klein bisschen in Schubladen gesteckt? Oliveira fotografiert fast alle leicht bekleidet. Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn nicht genau auf diese Art junge Frauen zu Sexsymbolen gemacht werden. Meistens in der Werbung. Ich bin sehr gespalten, was diese Fotos angeht. Der Aussage liegt eindeutig ein positives Motiv zugrunde. Seht genau hin! Wie schön sind diese Frauen! Alter ist relativ! Dem stimme ich zu. Dennoch bleibt ein Unbehagen. So ganz genau kann ich es nicht beschreiben. Ich bin sehr gespannt auf eure Meinung!

 

 

 

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15 Antworten zu Alte Menschen

  1. wildgans schreibt:

    Habe mir alle Fotos betrachtet. Schön. Manchmal aale ich mich vor Spiegeln herum, versuche, so bezaubernd zu gucken wie einige hier. Wie ein Teenager. Macht aber nix, ist menschlich-weiblich.
    Ein winziges Unbehagen beim Betrachten der Fotos – mich überkam es bei denen, die sehr gestellt wirkten, nur auf Wirkung aus…
    Vielleicht ist es das?

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    • Elvira schreibt:

      Ja, vielleicht. Ich kann es nicht ganz genau beschreiben. Es ist, als ob Schönheit nur in Verbindung mit Sexappeal bestehen würde. Die Frau auf dem zweiten Foto hingegen ist sicherlich nicht sexy im herkömmlichen Sinn. Aber sie hat so eine Ausstrahlung, wirkt so lebendig. Das macht sie wahrhaftig und schön.

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  2. Hans-Georg schreibt:

    Frauen in der Werbung – oder in Bildbänden – wenn sie denn leicht und/oder bekleidet sind, dann heißt es immer gleich, dass das sexistisch sei. Keine Frau ist gezwungen vor einer Kamera zu posieren, wenn es ihr nicht gefällt, wie sie sich da geben soll.

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    • Elvira schreibt:

      Darum ging es mir hier nicht in erster Linie. Sondern um die Frage, was macht Schönheit in welchem Alter aus? Warum werden alte Menschen unsichtbar? Oder nur wahrgenommen, wenn sie zu angeblichen Unzeiten einkaufen oder wenn es um die Generationenfrage bei der Rente geht? Und nein, so gut wie keine Frau wird zu solchen Bildern gezwungen. Aber seien wir ehrlich, was die Werbung betrifft gilt immer noch: Sex sells.

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  3. Ulli schreibt:

    Mir gefallen am meisten die Bilder 8 und 9, erstens wirkt das Foto dieser Frau nicht gestellt und zweitens ist sie in normaler Kleidung abgelichtet, die anderen Fotos sind mir alle zu gestellt.
    Für mich ist es auch gar keine Frage, ob alte Frauen noch schön sind oder nicht, ich kenne wirklich einige schöne alte Frauen. Klar, gesellschaftlich ist das anders. Ich hoffe ja sehr, dass wir uns wieder dahin entwickeln, dass Alter seine Würde zurück bekommt! Dass die Jungen wieder den Rat der Alten suchen. Noch bin ich in der priviligierten Lage all das zu erleben.
    Herzliche Grüße
    Ulli

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  4. Myriade schreibt:

    Ja, ich verstehe, was du meinst. Für mich stellt sich die Frage, was würdevoll daran ist, sich zB in eine Fahne einzuwickeln. Außerdem zielen die Posen darauf ab, diese Frauen möglichst jung bzw faltenfrei darzustellen und würdigen dadurch nicht die einzelne Frau. Also, ich meine die Absicht ist, darzustellen, dass ältere Frauen mit den jüngeren „mithalten“ können und nicht alte Frauen, wie sie sind darzustellen und dann die Schönheit in ihnen zu sehen. Ich weiß nicht recht, ob ich erklären kann, wie ich das meine

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  5. quiltfru schreibt:

    Wie kann ich denn die anderen Bilder anschauen. Ich kann nur das in Deinem Blog aufmachen. Wahrscheinlich zu blöd. Birgitt

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  6. Gudrun schreibt:

    Ein herzliches Lachen oder feines Lächeln macht einen Menschen für mich schön und den Fotografen, der das einfängt beachtenswert. Dazu bedarf es dann keiner besonderen Bekleidung (oder Nichtbekleidung) und keiner Beautyretusche. Damals, im Dörfchen habe ich so etwas kennengelernt. Es hat mir gut getan und es hat mich wieder geerdet. War mir doch gerade mein halbes Leben um die Ohren geflogen.
    Da war diese Bäuerin, die jeden Tag mit dem Rechen in der Hand auf dem Fahhrad an meinem Haus vorbei fuhr. Ich ärgere mich heute noch, dass ich sie nicht gefragt habe, ob ich sie fotografieren darf.
    Der Apothekerin nehme ich das nicht übel. Unsere Gesellschaft ist auf ewiges Wachsrum programmiert. Kaufen und Verkaufen, Gewinnoptimierung – darauf wird fast jeder getrimmt.
    Du hast Recht, bei jedem alten Menschen sollte man daran denken, dass er mal jung war und anders schön, dass da viel Kraft war und auch Träume. Sie abzutun als nutzlose, tüdelige Alte macht das Altern nicht leichter.
    Ich möchte gerne in einer „Alten“-WG wohnen und ich verwette meine Haarspange, dass da trotz einiger Probleme viel gelacht wird.
    So viel wollte ich eigentlich nicht labern, aber nun steht es da und nun lass ich es da.
    Liebe Grüße von der Gudrun.

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    • Elvira schreibt:

      Eine WG würde mir auch gefallen. Mein Mann und ich spinnen uns einen Vierseithof zusammen, der dann von mehreren Generationen bewohnt werden kann. Eine Art Großfamilien-WG sozusagen.
      Liebe Grüße auch zu dir!

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  7. erphschwester schreibt:

    in würde altern zu können, ist immer eine frage dessen, worüber frau sich zeitlebens definiert hat. eine bekannte (75), bei der die männer erst im letzten jahrzehnt (was spät ist) aufhörten, sich nach ihr umzudrehen, tut sich schwer damit. als sie mir erzählte, wie es ihr in irgendeinem amt ergangen war, sagte ich „willkommen in meiner welt“.
    ich hingegen, die ich mein leben lang für irgend etwas „gebrannt“ habe (schreiben, malen, allerei andere kunstformen) sehe mich so, wie ich bin: einen interessierten menschen, dem nie langweilig werden wird. diese zuversicht teilt auch meine umgebung.
    weder mein verfallsprozess (andere würden so ein wort nie in den mund nehmen), noch meine vergänglichkeit machen mir sorgen.

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    • Elvira schreibt:

      Ich musste sofort an die „Unwürdige Greisin“ von Brecht denken.
      Für mich ist Altern einfach ein Prozess. Dummerweise altert mein Körper schneller als mein Geist. Das geht nicht nur mir so. Viele Menschen in meinem Alter und dem meines Mannes, der immerhin zehn Jahre älter ist, bestätigen mir das. Es ist auch nicht unsere Vergänglichkeit, die uns Sorgen bereitet, sondern die Schublade, in die wir schnell gesteckt werden. Meine Mutter war bis zu ihrem Tod eine starke, selbstbewusste Frau. Als sie eine Zeit vor ihrem Tod ins Krankenhaus musste, wurde sie in eben diese Schublade gesteckt. Nur weil sie mittelfristig nicht in der Lage war, sich zu artikulieren. Das macht mich traurig und mir Sorgen.

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